Wer schon einmal im Felix-Nussbaum-Haus war, der kennt sie ganz bestimmt – die Steinbrücke am Museumseingang. Manch einer wird sich gefragt haben, was es damit auf sich hat, steht sie doch scheinbar einfach so ohne erkennbare Verbindung im Stadtraum. Mit welcher spannenden Geschichte die Brücke aufwarten kann, wissen die wenigsten. Lange Zeit war sie in Vergessenheit geraten – aber nur beinahe.

 
Bei Baggerarbeiten für die Fernwärmeversorgung stieß man im Mai 1996 im damaligen Museumsgarten auf eine besondere Überraschung, mit der niemand gerechnet hatte. Zutage kamen Mauern und Brückengewölbe einer alten Wehranlage. Die Überreste dieser ehemaligen Stadtbefestigung lagen jedoch dem geplanten Felix-Nussbaum-Haus im Weg. Um die spektakuläre Entdeckung zu erhalten, veränderte der Architekt Daniel Libeskind spontan seine Baupläne. Kurzerhand wurde die Brücke in den Neubau integriert und das Museum 1998 feierlich eröffnet.

Die Ausgrabungen der Stadt- und Kreisarchäologie brachten drei steinerne Brückenbögen wieder zum Vorschein, insgesamt 15 Meter lang und sechs Meter breit. Als Teil der ehemaligen Festungsanlage vor dem Heger Tor verband die Brücke das feindseitige Ufer des Wehrgrabens mit einem Ravelin, einem dreieckigen Außenwerk der Hauptbefestigung. Sogar Reste des hölzernen Baugerüstes konnten ergraben und dendrochronologisch untersucht werden. Demnach wurde die Brücke um 1671 errichtet. Sie überspannte den Stadtgraben und bot Platz für zwei sich begegnende Fuhrwerke. Die Archäologen legten zudem die äußere Mauer des Ravelingrabens auf einer Länge von 40 Metern frei.
 

Das Ravelin vor dem Heger Tor mit der heute noch existierenden Bogenbrücke. Das Modell zeigt den Zustand des ehemaligen Befestigungswerks, wie es sich anhand historischer Pläne rekonstruieren lässt.


Wie sah das Areal vor dem Heger Tor aus?
 
Mit dem Bau der ersten Mauer um die damalige Altstadt entstand auch das Heger Tor, zunächst als einfaches Tor, überbaut mit einem viereckigen Turm, später dann als Doppeltoranlage. Infolge der sich rasant entwickelnden Waffentechnik wurde die nur etwa einen Meter breite mittelalterliche Stadtmauer bald zu einem mehrere Meter breiten Wall erweitert. Rondelle und Bastionen verstärkten ab Mitte des 16. Jahrhunderts zusätzlich die Stadtbefestigung.

Dem Bau des Rondells 1553/55 am Heger Tor folgte 1632 eine vorgelagerte kleine Redoute, wie auf dem Schwedenplan von 1633 zu erkennen. Vermutlich zehn Jahre später begann dann der Ausbau zum Ravelin nach neuesten wehrtechnischen Standards wohl durch Fürstbischof Ernst August I. Nach schwierigen Verhandlungen zwischen Bischof und Stadt hatte man sich geeinigt, die Stadttore mit Schanzen zu sichern. Das Vorhaben, alle Festungswerke massiv zu verstärken, wurde jedoch nur teilweise umgesetzt.
 
Wie veränderte sich der Stadtraum?
 
Neben Mauern und Wällen war die Stadt auch durch Wassergräben gesichert. Dort wo heutzutage der vierspurige Heger-Tor-Wall verläuft, hätte man Anfang des 19. Jahrhunderts noch nasse Füße bekommen. Mit Aufhebung des Festungsgebotes 1843 erweiterte sich die Stadt über die mittelalterlichen Grenzen hinaus. Dabei hinderliche alte Befestigungsanlagen wie Ravelins und Rondelle mussten weichen. Mauern und Wälle wurden abgetragen, so auch am Heger Tor.

Ein Plan des Wegbaumeisters Johann Christian Siekmann zeigt, aus welchen Bauelementen die Wehranlage kurz vor ihrem Abbruch 1814 bestand, ehe man dort zwei Jahre später das Waterloo-Tor errichtete. Es ist den Osnabrücker Soldaten gewidmet, die gegen die Franzosen unter Napoleon im Frühjahr 1815 bei Waterloo in die Schlacht gezogen waren.
 

„Plan des zu demolirenden Ravelins und Heger Thores“ von J. C. Siekmann, 1814.

Heutzutage sind kaum noch sichtbare Spuren der mittelalterlichen Stadtmauern bzw. der Befestigungsanlagen erhalten. Der Bereich vor dem Heger Tor hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stark gewandelt und die Veränderungen haben umfassend in die Raumgestaltung eingriffen. So liefern häufig allein archäologische Forschungen Erkenntnisse zum Stadtbild früherer Zeiten.

Judith Franzen

Judith Franzen studierte Museologie in Leipzig und hätte niemals vermutet, einmal bei der Osnabrücker Archäologie zu landen. Als stellvertretende Leiterin ist sie dort für zahlreiche Ausstellungen, Kooperationsprojekte und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Vor allem schätzt sie die die Herausforderung, die vielfältigen Aufgaben innerhalb der Archäologie auf kreative Weise zu vermitteln.