Zweiter Teil unserer kleinen Reihe über die Villa Stahmer: Nicht weniger spannend als die facettenreiche Vergangenheit des Hauses ist der Blick auf seine gegenwärtige Nutzung.

 
Eigentlich sind es drei Dächer mit zwei Türmchen, die die Villa Stahmer in luftiger Höhe von mehr als 25 Meter bedecken. Darunter befinden sich fünf Geschosse, in denen das Museum der Stadt Georgsmarienhütte untergebracht ist.

Was unter dem Dach eines Museums zu passieren hat, ist durch international gesetzte Standards des „International Council of Museums“ klar umrissen: Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln. Was nicht in den Standards vorkommt, aber alle Museumsleiterinnen und Museumsleiter umtreibt, ist die Aufgabe, ihr Haus mit Leben zu füllen.

Natürlich beherbergt das Museum Villa Stahmer eine moderne Dauerausstellung mit sehenswerten Exponaten, guten Texten und regelmäßig werden neue Sonderausstellungen gezeigt. Natürlich verfügt das Museum über ein Magazin, ein Sammlungskonzept und ein computergestütztes Inventarisierungsprogramm. Natürlich bietet es ein interessantes museumspädagogisches Programm an, das über die üblichen Führungen für Schulklassen weit hinausgeht. Das Erfüllen internationaler Standards ist hier nicht das Problem.

Das Museum Villa Stahmer liegt jenseits aller touristischen Ströme, deshalb wird hier in Projekten, die die Menschen vor Ort einbeziehen, gedacht und gearbeitet. Das Museumskonzept sieht drei Säulen der Museumsarbeit vor: Geschichte-Kunst-Begegnung. Unter diesem abgesteckten Claim werden Projekte organsiert, die thematisch dazu passen.
 

Wegen der Coronapandemie fanden die Veranstaltungen in diesem Sommer vor statt in der Villa Stahmer statt. Künstler und Publikum waren von der Atmosphäre unter freiem Himmel begeistert, sodass die Open-Air-Reihe im nächsten Jahr fortgesetzt wird.

Wie erfüllt man Begriffe mit Leben?
 
Im Bereich ´Geschichte´ passiert am meisten. Das liegt an der ungewöhnlichen Stadtgeschichte, die eng mit dem 1856 gebauten Stahlwerk verknüpft ist und eine große Palette an Themen nach sich zieht, aber auch an den vielen Heimatforscherinnen und -forschern, die sich intensiv mit bestimmten Bereichen auseinandersetzen. Das „Forum Regionalgeschichte“ bietet all jenen eine Bühne, die ihre Themen präsentieren und diskutieren wollen. Gerne werden ins Forum auch auswärtige Spezialisten eingeladen, wie der Migrationsexperte Jochen Oltmer oder die Publizistin Sabine Bode, die über Kriegskinder recherchiert hat.

Die ersten Stolpersteine sind in Georgsmarienhütte 2015 verlegt worden. Die Beschäftigung mit den Opfern des Dritten Reiches und die Erinnerung an die Ereignisse der Nazizeit sind seitdem intensiver geworden worden. Anhand von Einzelschicksalen führen Schülerinnen und Schüler jedes Jahr aus Anlass des Volkstrauertages die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Kriegen vor Augen.
Längst ist in Georgsmarienhütte aus dem ritualisierten Kranzablegen eine Antikriegsveranstaltung geworden. Der Seniorenbeirat hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein virtuelles Stadtgedächtnis ins Leben zu rufen. Eine spannende Aufgabe, die das Personal des Museums begleiten darf.

Überhaupt ist die Aufarbeitung der Stadtgeschichte eine stete Aufgabe der Museumsleitung. Es geht nicht nur um die Begleitung der Heimatforscher, sondern auch um eigene Forschung. Als vor einigen Jahren feststand, dass die Stadt Georgsmarienhütte ihren 50jähriges Bestehen feiern möchte, wurde ein Projekt zur Aufarbeitung der Stadtgründung und ihrer Folgeprozesse in Kooperation mit der Uni Osnabrück gestartet. Aus dem Projekt sind inzwischen eine Dissertation, ein Aufsatzheft und eine Wanderausstellung erwachsen, eine Online-Karte zu den historischen Orten der Stadt ist aktuell in Arbeit.

Der Transfer von wissenschaftlich erarbeiteten Ergebnissen ist ein wichtiger Bestandteil der Museumsarbeit. Die Ausbildung von Stadtscouts, die Führungen mit verschiedenen Verkehrsmitteln (Segway, Fahrrad, u.v.m.) durchführen können, ist eine fruchtbare Aufgabe, die nicht aufs Museum begrenzt ist.

Der Bereich ´Kunst` kommt im Museum ebenfalls nicht zu kurz: Etwa fünf Mal im Jahr zeigt das Museum professionelle Künstlerinnen und Künstler aus der Region. Alle zwei Jahre hat der hiesige Kunstkreis Gelegenheit unter einem selbstgewählten Thema eine Ausstellung zu gestalten. Ein besonderes Highlight im Jahr stellen die Kunstwettbewerbe der Kunst- und Kulturstiftung dar, bei denen namhafte Geldpreise winken.
 

Blick in die Ausstellungsräume im Erdgeschoss, die Judith Kaminskis aus Münster Anfang 2020 gestaltet hat. Alle sechs Wochen wird eine neue Ausstellung gezeigt.

Der Kunstwettbewerb für Jugendliche ist besonders hervorzuheben, weil für dieses Alter so gut wie keine Wettbewerbe angeboten werden. Zu jeder Wechselausstellung werden Kunstgespräche mit dem ausstellenden Kunstschaffenden angeboten, die von einer ehrenamtlichen Person moderiert werden.

Mit dem dritten Bereich ´Begegnung` war ursprünglich das Zusammenführen von ehrenamtlichen Kräften im Museum Villa Stahmer gemeint, die die Aufsicht während der Öffnungszeiten sicherstellen. Inzwischen gehört die Betreuung der Standesamtlichen Trauungen, die einmal im Monat in der Villa durchgeführt werden, ebenso zu den Aufgaben des ehrenamtlichen Teams, wie das Pflegen des Museumsgartens. Ein gemeinnütziger Verein organisiert seit drei Jahren eine Kleinkunstreihe, die sehr gut angenommen wird.

Das alles ist ohne Kooperationspartner nicht zu schaffen. Die Museumsleitung arbeitet mit der Universität Osnabrück, mit dem Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, mit dem Standesamt der Stadt Georgsmarienhütte, mit dem Kunstkreis Georgsmarienhütte, mit der Kunst- und Kulturstiftung Georgsmarienhütte, mit dem Verein der Freunde des Museums, mit allen Schulen vor Ort und vielen, vielen Menschen zusammen. Das erfordert viel Organisationsgeschick, zielgruppengerechte Kommunikation und das Aushalten und Lösen von Konflikten.

Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen und Vermitteln, alle Standards haben ihre Berechtigung. Dass sich unter dem Dach des Museums Villa Stahmer aber viele Begegnungen abspielen, dass Austausch stattfindet und Vielfalt gelebt wird, macht das Museum zu einem lebendigen Ort, an dem es Spaß macht, sich einzubringen und sei es nur durch einen Besuch.

Teil 1 unserer Serie über die Villa Stahmer finden Sie HIER.


Wichtige Infos und die nächste Ausstellung

Die Villa Stahmer ist donnerstags von 15.00-18.00 Uhr und sonntags von 10.00-13.00 sowie von 15.00-18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist bis Ende des Jahres 2020 frei und kostet ansonsten 2,50 €.
Nächste Sonderausstellung vom 18. Oktober -13. Dezember 2020: „Menschen meiner Zeit – Porträts von Menschen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von 1954 bis heute.“ Foto-Porträts von Johann Albert Slominski.

Dr. Inge Becher

Inge Becher studierte in Konstanz und Osnabrück Musikwissenschaften, Neuere deutsche Literatur und Geschichte. Sie promovierte an der Uni Osnabrück über die Gebiets- und Verwaltungsreform in Niedersachsen. Die seit 1992 amtierende Leiterin des Museums Villa Stahmer in Georgsmarienhütte publizierte zu zahlreichen geschichtlichen Themen in Sammelbänden und Zeitschriften. Des Weiteren verfasste Inge Becher zwei Gedichtbände, einen Jugendroman und mehrere Kinderbücher. 2012 erhielt sie den 2. Preis der Niedersächsischen Literaturtage.