Von 1644 bis 1649 weilte Fabio Chigi in Münster und nahm als Gesandter von Papst Innozenz X. an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teil. Am 7. April 1655 wurde er selbst zum Papst gewählt und stand als Alexander VII. vor einer ähnlich großen Herausforderung.

 
Denn nur wenige Monate später wütete die Pest in Rom und weiten Teilen Italiens. Der Papst ergriff Gegenmaßnahmen, die auch im 21. Jahrhundert noch als veritable Mittel gegen die Ausbreitung einer Pandemie gelten. Größere Menschenansammlungen – darunter auch Gottesdienste oder Prozessionen – wurden untersagt. In Lazaretten kategorisierte man die Erkrankten und schickte Kontaktpersonen in Quarantäne. Auch eine frühe Variante des Mund-Nasen-Schutzes kam in Mode, wie auf dem folgenden Kupferstich eines Pestdoktors im Jahr 1656 zu sehen ist.
 

Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors – Der Doctor Schnabel von Rom, ca. 1656

Alexander VII. sorgte sich aber auch um das Seelenheil seiner Gläubigen oder – neuzeitlicher gesprochen – um ihre psychische Balance. Im Herbst 1656 wurde Orazio Benevoli mit der Komposition der Messe „In angustia pestilentiae“ beauftragt. Der aus Lothringen stammende Musiker, den historische Quellen wahlweise als Sohn eines Zuckerbäckers und als Spross des Herzogs Albert ausweisen, war nach Stationen in Italien und Österreich 1646 zum Kapellmeister der Cappella Giulia im Petersdom ernannt worden und schuf in wenigen Wochen ein Werk, das die Angst der Menschen vor der Seuche beruhigen und gleichzeitig die Barmherzigkeit Gottes anrufen sollte.
 
Wie komponiert man Abstandsregeln?
 
Auch Orazio Benevoli war sich der Gefahren, die von der Seuche ausgingen, bewusst und hielt sich deshalb schon bei der Komposition der Messe an eine besondere Form des „social distancing“. Er schrieb sein Werk für vier jeweils vierstimmige Einzelchöre, die in der Kirche verteilt wurden.
 

Orazio Benevoli

Ein passenderes Stück hätte für die Corona-Pandemie kaum geschaffen werden können. Nicolas Fink, der neue Leiter des WDR Rundfunkchores, hatte deshalb überzeugende Gründe, die barocke Messe im Rahmen seines Antrittskonzertes in der Kölner Kirche St. Aposteln zu präsentieren – 364 Jahre nach der Uraufführung.
 
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Die Messe im Radio und auf CD

Das im klassischen Palestrina-Stil gehaltene Werk, das unter den speziellen Aufführungsbedingungen eine zusätzliche Suggestivkraft entfaltet, ist noch bis zum 28. Oktober 2020 im WDR-Konzertplayer zu hören. Hartwig Groth (Violone), Roderick Shaw (Orgel) und Sänger*innen des WDR Rundfunkchores bieten unter der Leitung von Nicolas Fink eine grandiose Interpretation des selten gespielten Werkes.

Auf CD liegt die Missa bis dato nur einmal vor. Eine Aufnahme mit der “Cappella Musicale di Santa Maria in Campitelli” unter der Leitung von Vincenzo di Betta erschien 2018 beim Label Tactus.

Dr. Thorsten Stegemann

Thorsten Stegemann arbeitet seit Mitte der 90er Jahre als Journalist und war in dieser Zeit u.v.a. für SPIEGEL Online, telepolis.de, den Rheinischen Merkur, die Westdeutsche Zeitung oder die Deutsche Presse-Agentur tätig. Stegemann unterrichtet außerdem an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Bis 2019 war er Chefredakteur von 26 Print-Ausgaben „Osnabrücker Wissen”, seit 2020 leitet er die Online-Ausgabe des Magazins.