Er war einer der wenigen deutschen Schauspieler, die in Hollywood mehr als ihre Visitenkarte abgeben durften. Horst Buchholz, uneheliches Kind einer gewissen Maria Hasenkamp, die sich und ihm das Leben nehmen wollte, als sie erfuhr, dass sie schwanger war; trotzdem geboren in Berlin-Neukölln, Schulabbrecher, Gelegenheitsarbeiter, Schwarzmarktexperte, Statist, Theaterschauspieler und schließlich Mitglied der „glorreichen Sieben“. Geradlinig war nur sein Charakter und – über weite Strecken – der Erfolg.

 
Im Rückblick wusste er selbst nicht mehr genau, wie das alles gekommen war. Schließlich hätte der 11jährige schon in den letzten Kriegstagen genau so sterben können, wie seine vielen Altersgenossen, die Opfer eines versehentlichen amerikanischen Angriffs auf einen Zug der Kinderlandverschickung wurden. Doch Horst überlebte und schlug sich zusammen mit einem Freund kreuz und quer durch Deutschland, bis sie nach Monaten ein Rote-Kreuz-Lager in Magdeburg erreichten: „Ich hackte Holz und mistete Ställe aus für eine Tasse dünne Suppe. Ich bettelte und klaute. Die Bauern warfen Steine nach mir und hetzten ihre Hunde auf mich. Aber wir haben es geschafft.“

Und er kommt schnell auf andere Gedanken, denn schon 1947 steht Horst Buchholz zunächst als Statist, dann in kleineren und bald in immer größeren Sprechrollen auf den Bühnen des Berliner Metropoltheaters, des Renaissance-, Schlosspark- und Schiller-Theaters. Hier übt er sich im klassischen und modernen Repertoire, spielt in Schillers „Räubern“, Sartres „Tote ohne Begräbnis“, Shakespeares „Troilus und Cressida“, „Julius Caesar“ und „Richard III.“ oder Max Frischs „Don Juan“.
 
1952 beginnt parallel zur Bühnenlaufbahn die steile Filmkarriere des smarten Nachwuchsschauspielers. Am Anfang stehen unscheinbare Auftritte in verschiedenen Artur Brauner-Streifen, doch schon 1954 vertraut ihm Julien Duvivier die Hauptrolle in der deutsch-französischen Koproduktion „Marianne“ an. Obwohl sich das vielschichtige Werk als  genaues Gegenteil eines Kassenschlagers entpuppt, wird die Fachwelt auf Buchholz aufmerksam.

Nur zwei Jahre später schreibt er als „Freddy Borchert“ Filmgeschichte. In Georg Tresslers „Die Halbstarken“, der schon auf dem Plakat als „hart – realistisch – aktuell“ angekündigt wird, mimt er den eiskalten, aber schließlich doch verletzbaren Anführer einer Jugendbande und wird damit zum Sprachrohr einer Generation, die sich selbst als verlorene empfindet.
 
Revolutionär oder Romeo?
 
Im selben Jahr steht der Kostümschinken „Herrscher ohne Krone“ auf dem Programm, der Horst Buchholz – diesmal als König Christian von Dänemark – mit Größen wie Elisabeth Flickenschildt, O.W. Fischer und Siegfried Lowitz zusammenbringt. In der folgenden Produktion steht er mit Erich Ponto, Gert Fröbe, Mario Adorf und Deutschlands Leinwandliebling Romy Schneider für „Robinson darf nicht sterben“ (1956) vor der Kamera. Die „Neue Deutsche Filmgesellschaft“ wittert ein mögliches Traumpaar und führt die beiden bei den Dreharbeiten zu „Monpti“ (1957) noch einmal zusammen.

Doch damit hat es sein Bewenden. Schneider und Buchholz gehen beruflich und privat getrennte Wege, obwohl die gegen ihr Sissi-Image rebellierende Schauspielerin den unangepassten Jungstar besonders zu mögen scheint:

 

Horst Buchholz ist ein moderner Romeo, wie ich ihn mir nicht besser denken kann, (…) Er ist genau das, was ich mir unter einem Revolutionär vorstelle.

Romy Schneider

 

Doch Buchholz wird kein Revolutionär, sondern immer salonfähiger und erfolgreicher. 1957 erspielt er sich in der Thomas Mann-Verfilmung „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ eine weitere Paraderolle, ein Jahr später heiratet er die französische Schauspielerin Myriam Bru und dreht schließlich seine erste englischsprachige Produktion. Doch „Tiger Bay“, (1959) ist nur der Auftakt einer Reihe internationaler Kino- und Theaterproduktionen. Noch im selben Jahr tritt er in der Colette-Adaption „Chéri“ am Broadway auf, 1960 ist er neben Yul Brunner, Steve McQueen und Charles Bronson in „Die glorreichen Sieben“ zu sehen, um kurz darauf in „Eins, zwei, drei“ (1961) mit Regielegende Billy Wilder zusammenzuarbeiten.
 
Wo, wann, mit wem?
 
Mit Max Frischs „Andorra“ kehrt Buchholz noch einmal an den Broadway, sehr bald aber auch wieder nach Europa zurück. Er dreht in England, Frankreich oder Italien, wird jedoch kaum noch für erstklassige Produktionen besetzt. Die Filmtitel heißen jetzt „Unser Mann aus Istanbul“ (1964), „Im Reich des Kublai Khan“ (1965) oder „Wo, wann, mit wem?“ (1968). In den späten 70ern und frühen 80ern reicht es dann oft nur noch für Auftritte in Fernsehserien wie „Derrick“, „Der Alte“ oder „Drei Engel für Charly“. Zu guter Letzt wird sich Horst Buchholz auch für die „Sylter Geschichten“, „Geisterjäger John Sinclair“, „Klinikum Berlin-Mitte“ und noch nicht einmal für „Dr. Stefan Frank“, den Arzt, dem die Frauen vertrauen, zu schade sein.

Allerdings werden diese Ausflüge ins schauspielerische Niemandsland immer wieder durch eindrucksvolle Nachweise seiner darstellerischen Möglichkeiten unterbrochen. In Berlin brilliert er auf verschiedenen Bühnen in Inszenierungen von John Kanders „Cabaret“ (1978), Walter Hasenclevers „Ein besserer Herr“ (1981), Reginald Roses „Die zwölf Geschworenen“ (1984), George Bernhard Shaws „Helden“ (1986), oder Jean Paul Sartres „Die respektvolle Dirne“ (1996), und auch das Filmgeschäft hat ihm noch einige (wenige) Herausforderungen zu bieten. Für den Auftritt in Christian Richerts „Wenn ich mich fürchte“ (1984) wird Horst Buchholz das Filmband in Gold verliehen, die bewegende Darstellung des Musikers Dymitr in dem Drama „Und die Geigen verstummten“ (1988) beschert ihm die Ehrenmitgliedschaft im Kulturverein Österreichische Roma.

1997 sorgt Buchholz dann noch einmal für weltweite Schlagzeilen. In Roberto Benignis Film „Das Leben ist schön“ verkörpert er einen deutschen Lagerarzt und wird von der amerikanischen Screen Actors Guild für die beste schauspielerische Leistung in einem Kinofilm nominiert. Auch in den Folgejahren ist an Schonung nicht zu denken. Buchholz steht unermüdlich vor der Kamera, kann mit vorwiegend belanglosen TV-Produktionen aber nicht mehr an die großen Zeiten anknüpfen. Am 3. März 2003 stirbt er in der Berliner Charité an den Folgen einer Lungenentzündung, neun Monate und einen Tag vor seinem 70. Geburtstag.
 

Buchtipp:
Horst Buchholz. Sein Leben in Bildern, Henschel Verlag, 25 €

Die Stationen einer einzigartigen Karriere können in diesem aufwendig gestalteten Bildband noch einmal nacherlebt werden. Das von seinen Kindern Christopher und Beatrice sowie Ehefrau Myriam Bru herausgegebene Buch enthält neben zahlreichen bislang unveröffentlichten Fotos ausführliche Informationen zu allen Theaterstücken und Filmen, in denen Horst Buchholz eine prominente Rolle spielte.

 

 

Dr. Thorsten Stegemann

Thorsten Stegemann arbeitet seit Mitte der 90er Jahre als Journalist und war in dieser Zeit u.v.a. für SPIEGEL Online, telepolis.de, den Rheinischen Merkur, die Westdeutsche Zeitung oder die Deutsche Presse-Agentur tätig. Stegemann unterrichtet außerdem an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Bis 2019 war er Chefredakteur von 26 Print-Ausgaben „Osnabrücker Wissen”, seit 2020 leitet er die Online-Ausgabe des Magazins.