Gewerkschaften besitzen auch in Osnabrück eine lange Geschichte. Jahrzehnte bevor sie sich in einzelnen Wirtschaftsbereichen organisierten, prägte zuerst der jeweilige Berufsverband den Alltag.

 
Auch in der Hasestadt bestanden unter jungen „wandernden“ Handwerkern sogenannte Gesellenbruderschaften, die sich in selbstverwalteten Herbergen versammelten. Derartige, mit Handwerksstolz geschmiedete Zusammenschlüsse erkämpften sich feste Regelungen über Arbeitsvergütungen, Kündigungsbestimmungen bis hin zu frei gewählten „Altgesellen“. Im Jahre 1801 wurde ein Streik Osnabrücker Handwerksgesellen – es gab zehn Tote – brutal von Hannoverschen Soldaten niedergeschlagen. Die Folgejahre waren auch außerhalb Osnabrücks von einem massiven Abbau der Gesellenrechte gekennzeichnet.
 
Wer organisierte sich zuerst?

Als auch im wirtschaftlich rückständigen Königreich Hannover im Zuge der 1848er-Revolution das freie Vereinigungs- und Versammlungsrecht verkündet wurde, schossen erste Formen gewerkschaftlicher Interessenvertretung in die Höhe. Besonders eng war der Zusammenhalt unter den Zigarrenarbeitern. Sie stellten um 1848 herum den größten Berufsstand. Die Gesamtzahl bemaß sich auf bis zu 600. Ihr Zusammenschluss nannte sich seit Ende Juli 1848 „Cigarrenmacher-Vereinigung zu Osnabrück“, die schon 1850 rund 110 Mitglieder organisierte. Konkurrenz im eigenen Lager entstand durch die “ Cigarrenarbeiter-Assoziation“. Die Osnabrücker Buchdrucker wollten den Tabakverarbeitern nicht nachstehen und gründeten den „Gutenbergbund“.
 
Gab es einen Osnabrücker Gründungsvater?

Besonders bekannt wurde der Tischlergeselle Johann Heinrich Schucht, der 1849 nach Osnabrück kam und eine Art Dachorganisation aller Arbeitervereinigungen schuf. Der von ihm gegründete Arbeiterbildungsverein (ABV) besaß Grundzüge einer Gewerkschaft. Zugleich kam auch so etwas wie ein Partei-Charakter zum Tragen. Insbesondere Zigarrenarbeiter, Buchdrucker und Handwerksgesellen aller Gewerke schlossen sich dem ABV an, der überregional der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung beitrat. Das erste Statut des Vereins benannte die „Vertretung von Arbeiterinteressen“ als zentrales Ziel. Vor allem sollten auch „Arbeiterinteressen in öffentlichen Versammlungen“ besprochen werden.

 

Johann Heinrich Schucht – Diese Zeichnung fertigte Dirk Scheerle vom LKA Niedersachsen nach historischen Beschreibungen an

Wer musste vertreten werden?

Zigarrenarbeiter gab es um 1850 etwa 500 bis 600, was angesichts einer Einwohnerzahl von rund 12.000 beachtlich war. Rund 200 waren als Knappen auf dem Piesberg mit dem Kohleabbau befasst. Die Textilfabrik Wilhelm von Gülichs zählte rund 150 Beschäftigte. Carl Goslings diverse Produktionsstätten für Seife, Branntwein, Ziegel oder Mineralwasser etwa 100. In Quirlls Papiermühle dürften – ebenso wie in der Papiermühle Siegfried Gruners – jeweils gut 100 Arbeiter ihren Lohn bekommen haben. Hinzu kamen die wachsenden Belegschaftszahlen der Weymannschen Eisengießerei und rund 450 Handwerksgesellen.

 

Einlass-Karte des Arbeiterbildungsvereins Osnabrück

Welche Rolle spielten Handwerker?

Die ersten Industriearbeiter, deren Zahl sich im wirtschaftlich rückständigen Osnabrück ohnehin erst allmählich steigerte, waren aufgrund ihrer schweren Arbeit und Arbeitszeiten von bis zu 12 Stunden kaum für gewerkschaftliche Arbeit zu gewinnen. Bei Handwerkern war dies anders: Hier herrschte gemeinhin ein gewisser „Handwerkerstolz“, was gepflegte Rituale bis hin zum Liedgut ausdrückten. Eine besonders wichtige Funktion besaßen „Vorleser“: Wenn in einer Stube sechs für sieben arbeiteten, wurde der siebte Kollege dazu abgestellt, den Arbeitsprozess durch Lesen interessanter Schriften erträglicher zu machen. Sobald zur Lektüre auch demokratische und sozialistische Schriften gehörten, entstanden hier die Grundlagen der Arbeiterbildung.

Was hemmte die gewerkschaftliche Betätigung?

Die Obrigkeit, aber auch zahllose Unternehmer wachten mit Argusaugen über die Aktivitäten der spärlich entlohnten Beschäftigten. Seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Arbeiterorganisationen systematisch zerschlagen. Eine unrühmliche Rolle spielte dabei auch Johann Carl Bertram Stüve. Der Osnabrücker Bürgermeister und preußische Innenminister zeigte sich immer wieder als vehementer Gegner von Demokraten und Arbeitervereinen.
Erst in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts gab es zarte Versuche, Gewerksgenossenschaften zu gründen. Nach der Reichsgründung von 1871 setzte Kanzler Otto von Bismarck aber das „Sozialistengesetz“ durch, wonach sozialdemokratische wie gewerkschaftliche Betätigung von 1878 bis 1890 bei Strafe verboten war.

Osnabrücker Gewerkschaftspionier als Romanfigur

Die Frühgeschichte der Osnabrücker Gewerkschaften steht im Mittelpunkt von Heiko Schulzes Roman „Mit Feder und Hobel. Johann Heinrich Schucht und die Osnabrücker Arbeiterverbrüderung 1849 – 1851“. Das Buch ist 2009 im Geest-Verlag erschienen.

 

Heiko Schulze

Heiko Schulze, 1954 geboren und aufgewachsen in Osnabrück, ist gelernter Gymnasiallehrer für die Fächer Geschichte und Kunst. Er ist Autor verschiedener Publikationen zu historischen wie allgemein-politischen Themen, von Büchern zur Stadtgeschichte, historischen Romanen sowie Kurzgeschichten. Berufliche Stationen waren die Kreishandwerkerschaft Osnabrück, die Gelsenkirchener SPD-Ratsfraktion, die Stadt Gelsenkirchen, die Osnabrücker SPD-Ratsfraktion, zuletzt die örtliche Kulturverwaltung. Nebenberuflich ist er Lehrbeauftragter für Öffentliches Management an der örtlichen Hochschule.