Vergessene Bücher (5): Friedrich Spielhagens Roman „Problematische Naturen“.

 
Er war einer der erfolgreichsten Schriftsteller des deutschen Realismus, doch seine monumentalen zeitgeschichtlichen Panoramen sind längst aus den Buchhandlungen verschwunden. Völlig zu Recht, fand der Journalist Benedikt Erenz, der seine Lektüre des Romans „Problematische Naturen“ auf Seite 384 abbrach und darüber 2008 einen launigen Artikel in der „Zeit“ veröffentlichte.

 
Wer gut 600 Seiten länger durchhält und sich darüber hinaus auch noch die ähnlich opulente „Zweite Abtheilung“ mit dem Titel „Durch Nacht zum Licht“ gönnt, begegnet am Vorabend der Revolutionen von 1848/49 einem fanatischen Adelshasser, der freilich nicht weiß, wie die Gesellschaft neu und besser zu ordnen wäre.

Oswald Stein tritt eine Stelle als Hauslehrer auf Schloss Grenitz an. Vor dem düsteren Hintergrund einer sich selbst auflösenden Oberklasse tauchen Gestalten auf, die Oswald trotz seiner Aversionen beeindrucken – die hinreißende, von schweren Schicksalsschlägen getroffene Melitta, der mysteriöse Baron Oldenburg oder die ätherische Helene. Doch sie sind, genau wie die Abgesandten unterer gesellschaftlicher Schichten, nur temporäre Begleiter eines verschlungenen Weges, der für den verzweifelten Idealisten 1848 auf den Barrikaden von Berlin endet.

Über 2.000 Seiten illustriert dieser Roman eine fatale charakterliche Disposition, die Johann Wolfgang Goethe 1821 wie folgt beschrieb: „Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genugtut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.“

 

Ein Brückenschlag ins 21. Jahrhundert war weder von Goethe noch von Spielhagen beabsichtigt. Ist aber möglich, wenn man Seite 384 überwindet und sich an den einfallsreichen, gekonnt arrangierten Szenen mehr erfreut als an den ermüdenden Passagen, die sich in diesem voluminösen Werk aus den 1860er Jahren eben auch finden. Oswalds schwer verdauliches Mittagessen beim bigotten Pastor Jäger und seiner dichtenden Ehefrau Primula, die bizarre Adelsfeier im Hause von Barnewitz, der Anfall des ins Nichts stürzenden Professor Berger oder das „dramatische Kränzchen“ im Hause des Gymnasialdirektors Clemens zeigen Spielhagen als geistvollen, scharfzüngigen und höchst unterhaltsamen Erzähler.
 

„Der dünne Firnis äußerlicher Kultur, aus welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand, begann von den Strömen Weines, die unaufhörlich flossen, in einer erschreckenden Weise heruntergespült zu werden, und die nackte, trostlose dürftige Natur kam überall zum Vorschein.“

Zitat „Problematische Naturen“

 

Friedrich Spielhagen in seinem Arbeitszimmer 1898

Doch selbst die ehemals bekanntesten Titel – „Die von Hohenstein“ (1864), „In Reih‘ und Glied“ (1867), „Hammer und Amboß“ (1869) oder „Opfer“ (1900) – sind heute nur noch Spezialisten bekannt und auch Spielhagens mutmaßlich größter und andauerndster Erfolg, der wirtschafts- und gesellschaftskritische Roman „Sturmflut“ (1877), darf kaum auf eine Wiederentdeckung hoffen. Dabei hätten Spielhagens Ideenreichtum und die plastische Art seiner Darstellung sie durchaus verdient.
 

 
 
 
 
1848 – Aufstand in der Region
Die bürgerliche Revolution von 1848 erreichte auch das Königreich Hannover. König Ernst August ernannte den Osnabrücker Bürgermeister Johann Carl Bertram Stüve zum Innenminister, um einen politischen Flächenbrand zu verhindern. In Stüves Heimatstand forderten Bürger, Komitees und das neu gegründete „Tageblatt“ derweil ebenfalls weitgehende Reformen.

 


 
Spielhagen lesen
 
Die Werke des einst so populären Autors sind heute nur noch antiquarisch, in Bibliotheken (auch in Osnabrück) oder als Nachdrucke und eBooks erhältlich, die nicht immer sorgfältig ediert wurden. Die ersten vier Bände der „Problematischen Naturen“ finden sich allerdings als Digitalisat der Erstausgabe von 1861 im Deutschen Textarchiv: www.deutschestextarchiv.de

Dr. Thorsten Stegemann

Thorsten Stegemann arbeitet seit Mitte der 90er Jahre als Journalist und war in dieser Zeit u.v.a. für SPIEGEL Online, telepolis.de, den Rheinischen Merkur, die Westdeutsche Zeitung oder die Deutsche Presse-Agentur tätig. Stegemann unterrichtet außerdem an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Bis 2019 war er Chefredakteur von 26 Print-Ausgaben „Osnabrücker Wissen”, seit 2020 leitet er die Online-Ausgabe des Magazins.