Wer halbwegs lesen und schreiben, Kirchenlieder singen und außerdem noch ein wenig rechnen konnte, hatte im18. Jahrhundert gute Chancen, einen unbeliebten und schlecht bezahlten Job zu bekommen. Für den 1754 in Voltlage geborenen Bernhard Heinrich Overberg war die Erziehung von Kindern und Jugendlichen dagegen eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben. Er begann deshalb Lehrer zu unterrichten.

 
Overberg, der aus einer armen Krämerfamilie stammte, besuchte zunächst das Franziskaner-Gymnasium in Rheine, eher er von 1774 bis 79 Philosophie und Theologie in Münster studierte. 1779 wurde er zum Priester geweiht und kurze Zeit später Kaplan in Everswinkel. 1783 berief ihn der Bildungsreformer und Generalvikar Franz von Fürstenberg zum Leiter des Elementarschulwesens, um die Ausbildung der Lehrer und damit auch deren Unterricht auf ein neues Fundament zu stellen.

Tief überzeugt von der „Würde und Wichtigkeit des Schullehreramtes“, das aus jungen Menschen „rechtschaffene Christen“ machen sollte, organisierte Overberg in der Münsteraner Normalschule eine mehrmonatige Ausbildung für bereits berufstätige und später auch für angehende Lehrer.
 

Bernhard Heinrich Overberg

Bernhard Heinrich Overbergs Einfluss reichte weit über Münster hinaus. Seine Bücher, allen voran die 1793 veröffentlichte, aus vielen zeitgenössischen Quellen gespeiste „Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht für die Schullehrer im Hochstifte Münster“ wurden immer wieder nachgedruckt und vielerorts zur Basis einer katholischen Volksaufklärung.

Auch wenn seine Erkenntnisse in manchen Punkten nicht mit modernen pädagogischen Anforderungen übereinstimmen, bedeuteten sie doch einen beträchtlichen Fortschritt gegenüber der Situation, die Overberg vor allem in ländlichen Regionen vorgefunden hatte.

Werdet keine Schullehrer ohne alle innere Neigung der Seele, euch mit Kindern zu beschäftigen und ihnen wahrhaft nützlich zu werden. Diese Neigung ist nicht Jedermann eigen.

Bernhard Heinrich Overberg: Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht für die Schullehrer

So forderte er unter anderem auf das sture Auswendiglernen zu verzichten, denn es „erstickt die Begierde etwas gründlich zu erlernen, und entwöhnt den Verstand vom Nachdenken.“ Overberg plädierte stattdessen für eine freundliche, motivierende Unterrichtsatmosphäre, die im Dialog von Schülern und Lehrern entstehen sollte.

Die Schulreformen, die auch die Grundlage für eine angemessene Besoldung schufen, waren allerdings nur ein Teil seines weitgefächerten Aufgabengebietes. Der Krämersohn aus Voltlage fungierte überdies als Rektor der Lotharinger Chorschwestern, Seelsorger und enger Vertrauter der schillernden Fürstin Amalie von Gallitzin sowie Pfarrer der Überwasserkirche in Münster. Auch die neue preußische Landesherrschaft wusste seine Verdienste zu schätzen und ernannte ihn zum Oberkonsistorialrat und Ehrenmitglied des Provinzialschulkollegiums.

Bernhard Heinrich Overberg starb am 9. November 1824 in Münster. Bis heute tragen zahlreiche Schulen seinen Namen, so etwa in Osnabrück, Münster, Vechta, Meppen oder Warendorf. 
 
Overbergs Hauptwerk
Meinungsstark und gut verständlich: Dass Bernhard Heinrich Overberg seine Leser umstandslos erreichen wollte, merkt man der „Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht“ noch heute an.
Das Buch kann antiquarisch erworben werden, liegt aber auch in verschiedenen Digitalisaten vor, so zum Beispiel im Online-Archiv der Universität Münster: https://sammlungen.ulb.uni-muenster.de

Dr. Thorsten Stegemann

Thorsten Stegemann arbeitet seit Mitte der 90er Jahre als Journalist und war in dieser Zeit u.v.a. für SPIEGEL Online, telepolis.de, den Rheinischen Merkur, die Westdeutsche Zeitung oder die Deutsche Presse-Agentur tätig. Stegemann unterrichtet außerdem an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Bis 2019 war er Chefredakteur von 26 Print-Ausgaben „Osnabrücker Wissen”, seit 2020 leitet er die Online-Ausgabe des Magazins.