In der modernen archäologischen Forschung und Denkmalpflege gehören digitale Dokumentationstechniken mittlerweile zum Standard. Die zunehmende Digitalisierung wird besonders im Forschungs- und Vermittlungsbereich immer wichtiger.

 
Die dreidimensionale Erfassung ist in erster Linie ein Werkzeug der wissenschaftlichen Dokumentation. Mit vergleichsweise geringem Zeitaufwand lassen sich einzelne Objekte, großflächige Grabungsbefunde oder ganze Bauwerke digital und hochauflösend erfassen.

Ein Blick zu unseren westfälischen Nachbarn lohnt, denn er zeigt, wie spannend dieses Thema im Einsatzbereich der Archäologie sein kann. Die Altertumskommission für Westfalen mit Sitz in Münster erforscht, dokumentiert und präsentiert seit ihrer Gründung im Jahr 1897 die archäologischen Hinterlassenschaften in Westfalen. 2014 startete die Kommission das neue Forschungsprojekt „Megalithik in Westfalen“, das sich der Aufarbeitung, Erforschung und Neupräsentation der noch vorhandenen Großsteingräber in NRW widmet.

So wurde beispielsweise das Großsteingrab in Lotte-Wersen komplett digital vermessen. Diese „Großen Sloopsteene“ sind eines der schönsten und besterhaltenen Großsteingräber Westfalens, nur wenige Kilometer von Osnabrück entfernt gelegen. Es handelt sich um ein sogenanntes Ganggrab, dessen Zugang in der Mitte der südlichen Langseite lag. Gräber dieser Art wurden von den Trägern der Trichterbecherkultur errichtet und zwischen 3500 und 2800 v.Chr. über mehrere Generationen als Bestattungsorte genutzt.
 

Skizze der Sloopsteene von 1807 gezeichnet von Graf zu Münster-Langelage. Er besuchte zu dieser Zeit mehrere vorgeschichtliche Bodendenkmäler, die er beschrieb und zeichnete. Vor Ort führte er auch kleinere Ausgrabungen durch, die er für damalige Verhältnisse geradezu mustergültig dokumentierte.

Wie entsteht aus einer Wolke ein 3D-Modell?
 
Bei der Dokumentation dieser Denkmale kommen möglichst zerstörungsfreie Methoden zur Anwendung. Zunächst wurde das Großsteingrab mit einer Drohne beflogen. Die Gesamtaufnahme der Grabanlage lieferte bereits eine erste wichtige Erkenntnis: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts haben dort kaum Veränderungen stattgefunden. Im zweiten Schritt entstand ein 3D-Modell mittels „Image Based Modeling“. Voraussetzung dafür ist eine detaillierte digitale Fotodokumentation. Dazu wurde jeder einzelne Stein von allen Seiten aus unterschiedlichen Positionen fotografiert.

Anhand der entzerrten Fotos errechnete der Computer anschließend daraus dreidimensionale Punktwolken. Um nun ein 3D-Modell zu erstellen, wurden die Punkte zu einem Polygonnetz, das heißt zu einem Netz aus Dreiecken verbunden. So entstand nicht nur eine digitale Konservierung des jetzigen Zustandes, sondern es konnten mit den über 370 Millionen Messpunkten alle einzelnen Steine am Computer an ihre ehemalige Position zurückversetzt werden.

Mithilfe der fertigen Rekonstruktion mit ihren hochauflösenden, komplexen Detailstrukturen ist es nun möglich, den Raumeindruck der Grabkammer aus ganz neuer Perspektive zu erfassen und virtuell zu erkunden. Die großen Sloopsteene als Film gibt es unter https://megalithik.vr.lwl.org zu bestaunen.
 

Im fertigen 3D-Modell können die Trag- und Decksteine der Großen Sloopsteene auch von der Unterseite aus betrachtet werden.

Bei allen technischen Möglichkeiten die wir heute nutzen können, war und bleibt eine detaillierte Dokumentation immer das Maß aller Dinge. Ein Vergleich der Aufmessungen der Sloopsteene von 1927 und des 2014 erstellten 3D-Modells zeigt, wie exakt damals bereits gearbeitet wurde, auch ohne die Hilfsmittel und Methoden die uns heute zur Verfügung stehen.

Welch tröstlicher Gedanke, dass die Technik noch nicht den Menschen dahinter ersetzt hat. Dennoch bieten diese technischen Umsetzungsmöglichkeiten als virtuelle Modelle immense Chancen und stellen ein unschätzbares Potenzial auch für die archäologische Erforschung und Vermittlung dar.

Judith Franzen

Judith Franzen studierte Museologie in Leipzig und hätte niemals vermutet, einmal bei der Osnabrücker Archäologie zu landen. Als stellvertretende Leiterin ist sie dort für zahlreiche Ausstellungen, Kooperationsprojekte und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Vor allem schätzt sie die die Herausforderung, die vielfältigen Aufgaben innerhalb der Archäologie auf kreative Weise zu vermitteln.