Er selbst war mit dem Prädikat „Kapellmeister“ durchaus zufrieden und stellte seine Fähigkeiten ein Leben lang in den Dienst der verehrten Klassiker. Dass Carl Reinecke (1824-1910) im 21. Jahrhundert – noch oder wieder – als Komponist eigener Werke wahrgenommen wird, war deshalb nicht unbedingt geplant.

 
Acht Produktionen mit Reinecke-Werken unterschiedlicher Genres hat cpo in den letzten Jahren bereits veröffentlicht. Nun folgt eine zweiteilige Edition seiner Orchesterwerke, die das boshafte Verdikt des Kollegen Brahms, Reineckes Talent sei „ein ganz, ganz kleines“ noch einmal eindrucksvoll Lügen straft.

Schon die 1. Sinfonie in A-Dur ist trotz ihrer Berührungspunkte mit der Konvention weit mehr als eine Verbeugung vor früheren Zeiten. Für die 1895 uraufgeführte 3. Sinfonie in g-moll gilt das ohnehin. Sie besticht vom stürmischen Auftakt des Allegro (Hörprobe am Ende des Artikels) bis zum sich überschlagenden Finale durch unbändige Energie, melodischen Einfallsreichtum und überraschende Wendungen. Kein Zweifel, dass hier ein (wenn auch spätes) Meisterwerk der musikalischen Romantik vorliegt, dem das Münchner Rundfunkorchester unter Henry Raudales eine ebenso leidenschaftliche wie nuancenreiche Darbietung zuteil werden lässt.
 

Auch die Orchesterstücke aus Reineckes Oper „König Manfred“ (1867) würde man gerne öfter hören. Vor allem das fantastische Vorspiel zum 5. Akt, dass Raudales mit all seiner Sogwirkung zum Klingen bringt. Noch reizvoller wäre es freilich, das gesamte Werk einmal wieder auf der Bühne zu erleben: Warum nicht 2024, wenn sich Reineckes Geburtstag zum 200. Mal jährt?

Schließlich sind Musikfreunde nicht gezwungen, dem von Kritikern, aber auch von Selbstzweifeln geplagten Komponisten posthum Recht zu geben. Er habe „nie die Verwegenheit gehabt“ sich „für ein bahnbrechendes Genie zu halten“, schrieb Reinecke einst und dachte entsprechend pessimistisch über Auswahlkriterien der Mit- und Nachwelt. „Die Zeit mäht rasch die Kunstwerke hin, die nicht gerade einem genialen Schöpfer entstammen.“

Ein solcher sei er nicht, behauptete Carl Reinecke. Aber vielleicht kennt die Zeit gar kein Entweder-Oder.
 

 


Carl Reinecke, Orchestral Works, Vol.1, cpo

 

 

Dr. Thorsten Stegemann

Thorsten Stegemann arbeitet seit Mitte der 90er Jahre als Journalist und war in dieser Zeit u.v.a. für SPIEGEL Online, telepolis.de, den Rheinischen Merkur, die Westdeutsche Zeitung oder die Deutsche Presse-Agentur tätig. Stegemann unterrichtet außerdem an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Bis 2019 war er Chefredakteur von 26 Print-Ausgaben „Osnabrücker Wissen”, seit 2020 leitet er die Online-Ausgabe des Magazins.