Am 12. November wird ein elementares Recht unserer Republik 102 Jahre alt: Das Frauenwahlrecht. Beinahe vergessen ist, dass Osnabrück zu den ersten deutschen Städten zählte, deren Wählerschaft einer Frau aus dem einfachen Volk den Weg ins Parlament bahnte. Der Osnabrücker Autor Heiko Schulze hat Alwine Wellmann (1891-1966), die ihre Heimatstadt von 1924 bis 1932 als einzige Osnabrückerin im Preußischen Landtag vertrat, eine Biografie gewidmet. In „Osnabrücker Wissen“ erinnert er an wichtige Stationen der Pionierin.

 

Was machte das Frauenwahlrecht so bedeutsam?

Dass Frauen politische Versammlungen besuchen, war in Deutschland Jahrhunderte lang undenkbar. Ab 1904 durften sie derartigen Zusammenkünften allenfalls im separierten Bereich und ohne jede Artikulationsmöglichkeit beiwohnen und wurden dafür verächtlich „Frauenzimmer“ genannt.
Vier Jahre später konnten die politischen Parteien weibliche Mitglieder endlich aufnehmen. Selbst wählen durften Frauen erst, nachdem dies die Sozialdemokratie im Zuge der Novemberrevolution 1918 gegen alle Widerstände durchsetzen konnte.

Alwines Schreibmaschine

Wie kam Alwine Wellmann in die Politik?

Die Tochter eines Schlossers begann sich bereits gewerkschaftlich zu organisieren, als dies jungen Frauen noch verboten war. Früh schrieb sie Artikel in der sozialdemokratischen Tageszeitung „Osnabrücker Abendpost“. Der Sozialdemokratie schloss sie sich an, weil dies bis zum Ersten Weltkrieg 1914 die einzige deutsche Partei war, die für ein Frauenwahlrecht kämpfte. Auch die Männer in der SPD entdeckten schnell das ungeheure Schreib- und Redetalent der gelernten Buchhalterin. Bereits 1921 wurde sie als Kandidatin für den Preußischen Landtag aufgestellt. Dem gehörte sie ab 1924 auch an. Die Fläche Preußens war in etwa so groß wie das heutige Deutschland, Alwine Wellmann reist landauf landab.

 

Was erreichte die „Rote Alwine“?

Das Redetalent der jungen Sozialdemokratin, die übrigens auch hervorragend singen und Klavier spielen konnte, sprach sich schnell herum. Sie trat unter anderem auf großen Kundgebungen in Hannover, Oldenburg, Magdeburg, Stettin oder Trier auf. Besonders bemerkenswert waren Auftritte in Enschede, aber selbst in Bulgarien oder in der Türkei zeigte Wellmann Präsenz. Immer wieder appellierte sie insbesondere an ihre Geschlechtsgenossinnen, selbstbewusst für eigene Rechte, den Sozialismus, Frieden und Demokratie zu kämpfen. Aber auch auf der SPD-Reichsebene setzte sie wichtige Akzente. Es ist vor allem Alwine Wellmann zu verdanken, dass der Internationale Frauentag alljährlich durch die Partei begangen wird.

 

Wer schrie nicht „Sieg Heil“?

Wellmann war eine profilierte Friedenskämpferin, sie stand für sozialistische Politik und demokratische Werte. Sie ging in Naziversammlungen und hielt dort mit klarer Stimme dagegen. Mutig verweigerte sie noch im April 1933 im Osnabrücker Rat den „Sieg Heil“-Ruf, obwohl sie dabei von Nazis umringt war.
Am 2. Mai dieses Jahres wurde Alwine wie andere Sozialdemokraten mit einem Schmähschild durch die Stadt getrieben und anschließend inhaftiert. Im Herbst 1933 gestattete man ihr unter schweren Auflagen die Ausreise nach Bulgarien, wo sie bis 1948 bleiben konnte. Ihr Überleben sicherte dort unter anderem die Scheinehe mit einem bulgarischen Sozialdemokraten.
Alwine Wellmann verbrachte die letzten Lebensjahre wieder in ihrer Geburtsstadt. 1948 kehrte sie nach Osnabrück zurück, engagierte sich für den Wiederaufbau der SPD und arbeitete von 1950 bis 1953 als Vertrauensfrau für politisch Verfolgte bei der Bezirksregierung. Gegen ihren energischen Widerstand wurde diese Funktion allerdings ersatzlos abgeschafft. Für die verbitterte Alwine war die Verwaltung zu jener Zeit wieder „… vom alten, gefährlichen Geist beseelt.“ Denn: Im Adenauer-Deutschland hatten es ehemalige NS-Opfer zusehends schwerer, ihre Rechte durchzusetzen.

Die Biografie von Heiko Schulze erschien 2019 im Geest-Verlag.

Wo erinnert ein Straßenname an Alwine Wellmann?

Osnabrücker Stadtgeschichte rankt sich gemeinhin um berühmte Männergestalten: Möser, Stüve, Remarque, Nussbaum, Vordemberge-Gildewart oder Calmeyer stehen oft im Zentrum des Interesses. Vergessen wird, dass es mit Alwine Wellmann mindestens eine Frau in der Stadthistorie gab, deren spannender Lebensweg eine weit stärkere Beachtung verdienen würde. Deshalb beschloss der Rat, eine Straße nach der Sozialdemokratin zu benennen. Seit Februar 2020 biegt nun die Alwine-Wellmann-Straße auf Höhe des Limbergs von der Vehrter Landstraße ab. 

Heiko Schulze

Heiko Schulze, 1954 geboren und aufgewachsen in Osnabrück, ist gelernter Gymnasiallehrer für die Fächer Geschichte und Kunst. Er ist Autor verschiedener Publikationen zu historischen wie allgemein-politischen Themen, von Büchern zur Stadtgeschichte, historischen Romanen sowie Kurzgeschichten. Berufliche Stationen waren die Kreishandwerkerschaft Osnabrück, die Gelsenkirchener SPD-Ratsfraktion, die Stadt Gelsenkirchen, die Osnabrücker SPD-Ratsfraktion, zuletzt die örtliche Kulturverwaltung. Nebenberuflich ist er Lehrbeauftragter für Öffentliches Management an der örtlichen Hochschule.