Die Herstellung und der Vertrieb von Leinenstoff war bis in das 19. Jahrhundert hinein ein wichtiger Faktor der Osnabrücker Wirtschaft – sowohl in der Stadt wie auch auf dem Lande.Für den Osnabrücker Landtag stellten Leinenproduktion und -handel seit 1766 sogar die „vornehmsten Mittel der Nahrung und des Gelderwerbs in verschiedenen Distrikten und Gegenden des Hochstifts Osnabrück“ dar.

Mitte des 18. Jahrhunderts war es allerdings aufgrund ausländischer Konkurrenzprodukte, minderwertiger heimischer Fertigung und den Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) zu einer Depression des Leinengewerbes gekommen. Deshalb bemühte sich in der Folge kein Geringerer als der Jurist, Staatsmann, Historiker und Literat Justus Möser (1720–1794), das Leinengewerbe in Stadt und Hochstift Osnabrück wiederzubeleben. Und seine Maßnahmen, die von der Qualitätskontrolle des Saatgutes über verbesserte Methoden des Flachs- und Hanfanbaus, der Vereinheitlichung des Herstellungsprozesses bis hin zur Gütekontrolle des fertigen Stoffes reichten, hatten Erfolg: Seit 1770 stand Osnabrücker Leinen wieder hoch im Kurs. Das Osnabrücker Rad als Gütesiegel war erneut zu einem weltweit anerkannten Markenzeichen geworden.

 

Woraus wurde Leinen gefertigt?

Das Osnabrücker Leinen wurde sowohl aus Hanf als auch aus Flachs gefertigt. War ursprünglich mehr Flachs zur Produktion genutzt worden, so verwendete man am Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich Hanf zur Herstellung des Leinens, weil dessen Anbau eine sichere Ernte versprach, mehr Garn aus den Hanfpflanzen gewonnen werden konnte und die Hanffaser stabiler war. Aus dem Osnabrücker Leinen wurde neben Bettwäsche und Segelstoff vor allem Alltagskleidung, z.B. Hemden und Hosen, gefertigt, die vor allem in wärmeren Klimazonen sehr beliebt war. Um das Leinen weiß zu bekommen, wurde es in Asche gekocht und später gebleicht.

Textilverarbeitung (Kupferstich) aus den „Georgica Curiosa Aucta“ von Wolf Helmhardt von Hohberg, Bd. 2, Nürnberg 1695, S. 498.

Wo wurde „Löwendlinnen“ hergestellt und wohin wurde es vertrieben?

Das Produkt, das zumeist in häuslichem Nebenerwerb von der unterbäuerlichen Bevölkerung hergestellt und dann von Leinenhändlern aufgekauft oder direkt im Verlagssystem gefertigt wurde, nannte man im Osnabrücker Land „Löwendlinnen“. Dieser Stoff wurde weit über die Grenzen des Hochstifts geschätzt, wie der Ibbenbürener Leggemeister Friedrich Meese 1792 im dritten Band des Neuen Westphälischen Magazins zur Geographie, Historie und Statistik berichtet: „Unter den verschiedenen und mancherley Arten von Leinwand, welche in Westphalen gemacht, und von da aus weit und breit verführet wird, verdienet unter anderem auch das Löwendlinnen, welches man auch in einigen Provinzen Lauendlinnen heißt, eine Beschreibung […]. Diese Linnen werden vornehmlich im Osnabrückschen, Tecklenburgschen und Ravensbergschen, der übrige weit geringere Theil in Diepholtschen, Mindenschen, der Obergrafschaft Lingen [Brochterbeck, Ibbenbüren, Mettingen und Recke], und in ein paar Kirchspielen im Münsterlande an den Grenzen der Obergrafschaft Lingen verfertigt.“ Das Osnabrücker Leinen, das laut Meese über Bremen, Amsterdam und Hamburg größtenteils nach Spanien, Portugal, England, aber auch nach Schottland und Frankreich – und über diese Länder auch in deren Kolonien in Amerika, Ostindien und Nordafrika – exportiert wurde, trug also die Bezeichnung „Löwendlinnen“.

Haspel und Krone zur Vorbereitung des Garns zum Weben

Woher kommt der Begriff?

Es ist die Ansicht vertreten worden, das Löwendlinnen habe seinen Namen von einem Löwenbild auf dem Leggestempel erhalten. Mit einem Stempelabdruck auf dem Leinenstoff wurde – je nachdem, an welcher Stelle er angebracht war – die Qualität des Leinens eingestuft und bestätigt. Diese Prüfung wurde in der sogenannten „Legge“ vorgenommen. Der Begriff Legge kommt übrigens von niederdeutsch leggen ‚legen‘, weil das Leinen zur Begutachtung auf einem langen Tisch „ausgelegt“ wurde. Doch zeigen die überlieferten Leggestempel keinen Löwen im Bild, sondern das Wappen der jeweiligen Region – in Osnabrück natürlich das Rad – oder eine Krone. Der Begriff „Löwendlinnen“ hat auch ursprünglich nichts mit dem Löwen zu tun. In seinem Bestandteil „Löwend“ steckt vielmehr der alte, mittelniederdeutsche Begriff Lowand, Luwand, Lawand, Louwend, der nichts anderes als ‚Leinwand‘ bedeutet, also das Leinen selbst bezeichnet. Das zeigen auch weitere mittelniederdeutsche Zusammensetzungen wie Louwenthose ‚Hose aus Leinen‘ oder die Bezeichnungen für den Leinwandhändler: Louwantkoper ‚Leinwandkäufer‘, Louwantsnider ‚Leinwandschneider‘, Louwantstriker ‚Leinwandstreicher, Tuchmesser‘. Darüber gibt das sechsbändige Mittelniederdeutsche Wörterbuch von Karl Schiller und August Lübben Auskunft, das zwischen 1875 und 1881 erschienen ist, aber noch immer unersetzlich ist. Der Ausdruck „Löwendlinnen“ ist also eine Tautologie, eine Wiederholung des ersten Wortbestandteiles wie etwa heute in La-Ola-Welle, Guerillakrieg oder Salsa-Sauce, die entstanden ist, weil man in späterer Zeit das Wort Löwend nicht mehr verstanden hat. Löwendlinnen heißt also übersetzt lediglich ‚Leinwand-Leinen‘.

Dr. Christof Spannhoff

Christof Spannhoff studierte Geschichte und Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und wurde 2013 promoviert. Er ist Gründungsmitglied der Forschungsgemeinschaft zur Geschichte des Nordmünsterlandes e.V.. Seit 2016 ist er zudem ordentliches Mitglied der Volkskundlichen Kommission für Westfalen. Für seine "bürgernahe Heimat- und Geschichtsarbeit" wurde er 2019 mit dem LWL-Preis für westfälische Landeskunde ausgezeichnet.