Eines haben der gallische Comic-Held Asterix und die heilige Regina gemeinsam: Sie standen in einer ganz besonderen Beziehung zum Ort Alesia. Während Asterix auf der Suche nach dem Arvernerschild nur Zeitgenossen begegnet, die den Schauplatz der gallischen Niederlage gegen Julius Caesar aus dem Gedächtnis getilgt haben, ist Alesia für Regina der Ursprungsort ihrer Heiligenverehrung.

In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts soll die junge Frau hier den Märtyrertod erlitten und bereits wenige Jahrzehnte später im Ruf einer Heiligen gestanden haben. Über ihrem Grab errichteten die merowingischen Frankenkönige im 7. Jahrhundert eine Basilika, doch Kaiser Karl der Kahle übertrug die sterblichen Überreste am 22. März 1866 in die nahegelegene Benediktinerabtei Flavigny-sur-Ozerin.

Vielleicht kamen in jenen Jahren andere Gebeine Reginas nach Osnabrück, wo sie zusammen mit den Reliquien der heiligen Schuhmacher Crispin und Crispinian zu den bedeutendsten Heiligtümern der Domkirche St. Petrus gehören und im 14. Jahrhundert in einen besonders großen und aufwändigen Reliquienschrein gebettet wurden.
Der sogenannte Reginenschrein ist 1,19 Meter lang, 86 Zentimeter hoch, 65 Zentimeter breit und befindet sich für gewöhnlich ständig im vergoldeten Hochaltar vor der Ostwand des Domes. Er birgt zudem Gebeine der Heiligen Prokopius und Hermagoras sowie anderer Heiliger.

Der „Schutzkasten“ diente seit dem 14. Jahrhundert zur Inszenierung des Schreines: Seine Dach- und Giebelflächen konnten an Festtagen zur Seite geklappt werden, um den freien Blick auf das silberne, edelsteinverzierte Reliquienhaus zu gewähren. Zu besonderen Anlässen wurden die Flügeltüren an der Schauseite geöffnet, so dass die in Seide eingenähten Reliquien hinter dem Gitterwerk sichtbar wurden.

 

Wie säubert man einen Heiligen-Schrein?

In den vergangenen Wochen wurde der Schrein dem Hochaltar entnommen und vom Hildesheimer Restaurator Uwe Schuchardt in über zweiwöchiger Kleinarbeit gründlich gesäubert. Dies ermöglicht dem Diözesanmuseum nun, zur Wiederöffnung des Hauses nach der Corona-Pause, den Schrein im Sonderausstellungsraum bis Ende September zugänglich zu machen.

Bereits 19 Jahre zuvor hatte Uwe Schuchardt im Sommer 2001 die vorletzte Säuberung durchgeführt, wobei auch kleinere Restaurierungsarbeiten anfielen. Um dabei die Würde der Heiligen zu wahren, wurden die insgesamt sechs Knochenpakete und vier Schädel in einem feierlichen Gottesdienst in der Domschatzkammer aus dem Schrein entnommen. Dieser Akt sowie die Öffnung eines der Knochenpakete wurde seinerzeit fotografiert und gefilmt und ist daher auf den Monitoren im heutigen Diözesanmuseum sowie im seinerzeitigen Sonderausstellungskatalog „Heilige Helfer“ nachzuvollziehen. Das Video läuft derzeit wieder.

Schon vor 19 Jahren war es Uwe Schuchardt, der seinerzeit den Reginenschrein öffnete und ihn – für Besucher zugänglich – restaurierte.

Jeweils eine weitere Reliquie Reginas befinden sich noch heute im Haupt Christi des über sechs Meter messenden Triumphkreuzes zwischen den Vierungspfeilern des Domes sowie des wundertätigen Kreuzes in der Lager Wallfahrtskirche.

Ausdauer und eine ruhige Handbrauchte Restaurator Uwe Schuchardt, als er in den vergangenen Wochen den Reginenschrein säuberte.

 

Wie viele Wunder wurden Regina zugeschrieben?

Im späten Mittelalter lockte der Reginenschrein auch Pilger in den Osnabrücker Dom, sodass der Fürsprache Reginas dem Vatikanischen Archiv in Rom zufolge 16 Wunderheilungen zugeschrieben werden. Sie galt als Helferin gegen Fieber, Fallsucht, verrenkte Glieder und Blindheit sowie bei schweren Geburten, in deren Verlauf man die Pilgerfahrt in den Dom gelobte.

Als schwedische Truppen 1633 nach ihrem Einmarsch in Osnabrück vom Domkapitel eine Sondersteuer forderten, war dieses nach zermürbenden Kriegsjahren zahlungsunfähig. Die Domherren beschlossen daher den Besatzern silberne Gefäße und Kunstwerke aus dem Domschatz zu übergeben, unter denen sich auch der Figurenschmuck des Reginenschreines befand. Leider wurden die meisten dieser Stücke eingeschmolzen und als Sold für die Soldaten vermünzt, sodass sie unwiederbringlich verloren sind.

Heute schlägt Regina nicht die einzige Brücke zwischen Alesia und dem Osnabrücker Land. Seit einigen Jahrzehnten vergleichen Schlachtfeldarchäologen die dortigen Ausgrabungen mit den archäologischen Befunden von Kalkriese und bemühen sich so um grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse zum Militär unter Caesar und Augustus, die weit in die Zeit vor Regina zurückreichen.

 

Wichtige Info: Das Diözesanmuseum in Corona-Zeiten

Das Diözesanmuseum ist zunächst dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und sonntags von 13 bis 18 Uhr sowie vom 1. August an wieder dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Orientiert an der Dauer der niedersächsischen Sommerferien ist der Eintritt bis zum 30. August frei. Weitere Exponate sind in der Reihe „Domschatz Digital“ rund um die Uhr online auf Facebook, Instagram und YouTube abrufbar.
Um die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen, ist nur eine begrenzte Zahl von Besucher*innen in den Ausstellungsräumen zugelassen, die sich aus den Markierungen auf dem Boden und den Hinweisen der Aufsichten ergibt. Zudem sind die vom Land Niedersachsen vorgeschriebenen Abstände sowie die Nies- und Hustenetikette einzuhalten, die Hände zu desinfizieren und einer Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.

Dr. Hermann Queckenstedt

Hermann Queckenstedt wurde 1963 in Wolfsburg geboren. Beruflich war er unter anderem als Redakteur der "Neuen Osnabrücker Zeitung" und Geschäftsführer des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land tätig. Seit 2000 ist er als Bistumsarchivar auch für die Kulturarbeit in der Diözese Bistum Osnabrück zuständig und leitet seit 2008 darüber hinaus das Diözesanmuseum Osnabrück.